Teil 33
Garen umklammerte sein Schwert mit beiden Händen. Er hatte schon einiges geleistet, aber so wie es aussah, musste er noch einmal nachlegen. Um ihn herum drängten sich über ein Dutzend Vasallen. Sie drangen von allen Seiten her auf ihn ein, streckten ihm ihre Klauen entgegen, wedelten vor seinem Gesicht herum, wuselten durcheinander. In ihm wuchs der Wunsch, sich mit einem Rundumschlag zu befreien, aber er wusste, dass ein wahrer Held auch fähig sein sollte, solch eine Situation zu meistern. „Dann sieh mal zu, wie du da wieder heraus kommst“, spottete Professor Swain. Garen atmete tief durch und ließ sein Schwert sinken. „Also gut“, keuchte er.
„Aber immer schön der Reihe nach“. Die Vasallen drängelten nun noch wilder auf ihn ein.
„Hier ich zuerst“, quietschte einer und streckte Garen seinen Arm entgegen.
Garen zückte einen Filzstift. „Was soll ich schreiben?“, fragte er geduldig. „Ein persönliche Widmung bitte“, sagte der Vasall hoffnungsvoll.
„Ok. Wie heißt du?“, fragte Garen unsicher.
„Blauer Zaubervasall“, antwortete dieser.
Garen grinste. Darauf hätte er auch selbst kommen können. Er nahm den Stift und schrieb dem Vasallen eine Widmung auf den Arm:
Für meinen guten Freund, den blauen Zaubervasallen. Herzlichst, Garen
Der Vasall bedankte sich artig und hopste aufgeregt herum. Die anderen drängelten noch immer, aber schließlich bekam jeder von Ihnen sein Autogramm. „Verdammt ist der gut“, dachte Swain bei sich. So etwas hatte er noch nie gesehen. Xin und Jarvan beobachteten das ganze leicht irritiert.
Ja, Garen war ein hervorragender Treiber, aber war er wirklich so gut?
„Nun, ich denke das reicht für Heute“, beschloss Swain. „Jetzt solltet ihr euch stärken und heute Mittag sehen wir uns im Werkraum“.
Er humpelte davon und Garen ging zurück zu den anderen.
Xin nickte respektvoll. Jarvan legte Garen seine Hand auf die Schulter. „Du wirst eines Tages an der Spitze unserer Armeen marschieren“, sagte er theatralisch.
„Du wirst wie ein Licht durch die Dunkelheit brechen und alle Schatten zerreißen. Und wir werden bei dir sein“.
Garen nickte. „Für Demacia!“, riefen sie stolz.
Es hatte knappe zwei Stunden gedauert, aber das war es wert gewesen. Umgeben von Büschen und kleinen Bäumen lag ein idyllischer Weiher. Ein plätschernder Wasserfall speiste ihn beständig mit frischem Wasser. Da kein Fluss an den Weiher angrenzte, floss dieser wohl unterirdisch weiter.
Aber das kümmerte sie nicht. Am Ufer wuchsen Schilf und kleine Farne, Bunte Blumen und Seerosen schwammen auf dem Wasser.
Die Sonne schien über den Wasserfall direkt auf das Wasser.
Nasus und Shaco hielten einen Moment inne. Dann gingen sie zum Ufer um zu trinken.
Nasus prüfte die Tiefe des Weihers mit seinem Stab. Etwas über einen Meter. Sie tranken und Shaco zog sich die Schuhe aus um seine Füße zu kühlen.
Er planschte mit den Füßen im Wasser und kicherte dabei wie ein kleiner Junge. Nasus schaute ihm grinsend zu, dann blickte er auf das Wasser.
Es war getrübt durch aufgewirbelten Schlamm und Pflanzenteile, schien aber genießbar zu sein.
Er füllte die Wasserbeutel und wusch sich durchs Gesicht. „Ich denke, wir könnten den Rückweg in etwa einer Stunden schaffen“, schätze er.
„Aber zuerst sollten wir ein wenig verschnaufen“.
Sie setzen sich und betrachteten den Regenbogen, der sich über dem Wasserfall gebildet hatte.
Nasus linkes Ohr zuckte kurz. War da etwas gewesen? Einige der Umgebungsgeräusche konnte er mittlerweile ausblenden, aber alles was neu war, alarmierte ihn. Er wandte sich um und musterte die Umgebung. Nichts zu sehen. Shaco blickte ihn fragend an und folgte seinem Blick. Aber auch er konnte nichts sehen.
„Wir sollten uns hier vielleicht nicht zu lange aufhalten“, murmelte Nasus.
Shaco nickte und zog seine Schuhe wieder an. Sie standen auf und machten sich auf den Weg zurück. Shaco hatte alle paar Minuten Zeichen in die Bäume geritzt.
Ein alter Gauklertrick, wie er sagte.
Dies sollte ihnen, zusammen mit Nasus Sinn für Orientierung, den Rückweg erleichtern.
Sie versuchten dabei ihre Umgebung im Auge zu behalten. Man weiß ja nie.
Teil 34
Obwohl sie das Gefühl nicht los wurden, verfolgt zu werden, schafften sie es dennoch in einer knappen Stunde zurück zum Lager, ohne irgendwelche Vorfälle. Gragas und Twitch hatten ein Feuer entzündet, denn es dämmerte bereits. „Da seid ihr ja endlich“, nuschelte Gragas mit zusammengebissenen Zähnen und kaute gemütlich auf einem Strohhalm herum.
Twitch saß am Feuer und blickte träumerisch in die Flammen. Nasus und Shaco verstauten die Wasserschläuche in der Hütte, dann setzten sie sich ebenfalls an das Lagerfeuer.
Eine sanfte Brise wehte durch die Bäume und umgab sie mit dem Duft von Moos und Harz.
Nasus reichte einen Wasserschlauch herum und sie tranken schweigend.
„Wisst ihr“, begann Shaco leise, „was jetzt genau richtig wäre?“. Er blickte in die Runde.
„Eine Geschichte“. Er kramte ein kleines Beutelchen hervor und ließ eine Prise rötliches Pulver in die Flammen rieseln. Das Lagerfeuer verfärbte sich dunkelrot. Der Rauch bildete rötliche Wölkchen, die seltsame formen annahmen. Ein Mensch, so schien es, eine schlanke Frau deren Leib sich Purpur verfärbte.
„Die ist die Geschichte der schönen Zigeunerin Eve“, sagte Shaco bedeutungsvoll und blickte in die Runde. „Es war einmal, vor vielen Jahren. Da lebte eine Zigeunersippe. Sie reiste durch die Länder Runeterras und besuchte die Dörfer und Städte der Menschen. Dort wo sie anhielten schlugen sie ihre Zelte auf und unterhielten die Menschen mit allerlei Akrobatik und Kunststückchen“.
Er machte eine Geste und der Rauch bildete ein Zeltlager, mit kleinen Männchen die dort herum wuselten. „Sie waren berühmte Gaukler und lebten gut von dem, was sie an Spenden bekamen.
Sie waren eine große Familie, so wie es bei allen Sippen unverzichtbar ist. Doch eines Tages, als sie ihre Zelte abbauen wollten, hörten sie ein leises wimmern und schreien. Sie fanden ein kleines Körbchen unter einem der Wagen. Ein Baby lag darin, eingewickelt in eine Runenbestickte Decke.
Es war ein kleines Mädchen mit blauer Haut. Sie waren abergläubisch aber gutherzig und so stimmten sie ab, ob sie das Kind behalten, oder zurücklassen sollten. Aber als die Anzahl der Stimmen dafür und dagegen gleich waren, beschloss Marius, der Älteste, das Kind mitzunehmen.
Sie gaben ihr den Namen Eve, was so viel bedeutet wie „die Verlorene“. Sie wuchs rasch heran und zeigte erstaunliches Geschick im Umgang mit den Künsten der Artistik und Akrobatik. Sie wurde eine sehr schöne Frau und zeigte sogar eine Begabung für die Arkanen Kräfte, wenn auch nur in schwachem Umfang. Sie mehrte den Ruhm der Sippe durch einige gefährliche und atemberaubende Kunststücke. Doch als sie das 20te Lebensjahr vollbracht hatte, nahm das Schicksal seinen Lauf. Gleich zwei Männer der Sippe buhlten um ihre Hand. Sie aber mochte sich nicht entscheiden und so besagte das Gesetz der Sippe, sie mögen um sie kämpfen. Der Kampf war heftig und beide Männer, bis zu diesem Tag die besten Freunde, kämpften mit unerbittlicher Härte. So kam es, das einer der beiden Männer, der Sohn des ältesten Marius, nicht wieder aufstand. Als er sah was er getan hatte, floh der junge Mann in die Wälder und wurde nie mehr gesehen. Marius betrauerte seinen Sohn und verfluchte seine Entscheidung, Eve nicht als Kind zurückgelassen zu haben, war es doch seine Stimme gewesen, welche die Entscheidung brachte. Eve selbst konnte den Tod des jungen Mannes nicht ertragen. Denn obwohl solche Kämpfe selten ohne Verletzungen endeten, so war doch der Tod eines Mitglieds der Sippe noch nie zuvor geschehen. Sie beschloss, die Sippe zu verlassen und schwor von nun an ihre Schönheit, welche so viel Leid verursacht hatte, zu verstecken“.
Die Flammen zeigten die letzte Szene, bevor ein Windstoß ihn hinweg blies. Das Feuer knisterte leise und färbte sich wieder in seine normale Farbe. Shaco schwieg eine Weile.
„Romantisch, aber tragisch“, murmelte Twitch. Nasus nickte stumm. Gragas nahm einen Schluck Wein zu sich und schien gedankenverloren. „Eine alte Geschichte, oder doch die Wahrheit?“, fragte er schließlich zögerlich. „Diese Geschichte wurde in meiner Sippe erzählt, als ich noch ein Kind war“, sagte Shaco ernst.
Schließlich ergriff Gragas das Wort. „Da wo ich herkomme, erzählt man sich die Geschichte vom Skillhammer“, sagte er ruhig. „Ein Mensch aus dem Norden. Ein gewaltiger Krieger, wie es ihn nie zuvor und nie danach gegeben hat. Er war der Meister mit jeder Waffe die es gab und selbst mit denen die keine Waffen waren. Er reiste durch die Länder der Menschen und forderte jeden namhaften Kämpfer heraus, doch keiner war ihm gewachsen. Als er das erkannte war er sehr traurig, denn er liebte den Kampf, ob nun aus sportlichem Interesse oder Ehrgeiz. Er haderte lange mit sich doch dann fand er eine Möglichkeit. Er bat einen mächtigen Magier einen Teil seiner Kraft in eine Waffe zu bannen. Mit dieser Waffe in der Hand wäre seine Kraft sogar noch größer als zuvor, aber ohne sie wäre er nur halb so stark. Der Magier gab sein Bestes und es gelang ihm unter großer Anstrengung, den Transfer zu vollziehen. Die Waffe die so entstand wurde bekannt als der Hammer von Xerath, doch die meisten nannten ihn nur den Skillhammer. Wer immer ihn führte, würde die Kräfte des größten Kämpfers von Runeterra tragen. Nun war er zufrieden. Das kämpfen machte ihm wieder Spaß und er musste sogar einige Niederlagen einstecken. Dieses Gefühl war eine völlig neue Erfahrung für den Kämpfer, doch es gab auch Schattenseiten. Würde der Hammer je in die falschen Hände fallen, so könnte schlimmes geschehen. Der Preis, den er zu zahlen hatte, war ebenfalls hoch. Sollte der Kämpfer jemals sterben, so würde die Kontrolle über den Hammer an den Magier Xerath gehen. Dieser war machthungrig und eitel aber nur er hatte die Macht, die Waffe zu erschaffen, darum hatte der Kämpfer schließlich eingewilligt. Doch der Wettlauf mit dem Tod hatte nun eine neue Bedeutung für ihn bekommen“.
„Der Skillhammer?“, fragte Nasus unglaubwürdig?
„Das hast du dir doch bloß ausgedacht“, lachte Twitch.
„Ich habe eine ähnliche Geschichte gehört“, sagte Shaco zögerlich. „Ich denke schon, dass sie wahr ist“.
Teil 35
Inzwischen war die Sonne bereits unter gegangen und die Sterne standen am Himmel.
Sie funkelten wie unzählige Augen, welche unsere Freunde beobachteten.
„Wie viele mögen das wohl sein?“, fragte Nasus träumerisch.
„Vielleicht einige hundert“, sagte Twitch unsicher.
„Eher einige Tausend“, schätzte Gragas.
„Bestimmt über 9000“, sagte Shaco kichernd.
Die Freunde schauten Shaco verwundert an. „Ein alter Gauklerwitz“, erklärte Shaco verschmitzt.
Sie betrachteten schweigend die Sterne und jeder von ihnen fühlte wie ihnen eine Gänsehaut den Rücken hinunter lief. Es war ein gutes Gefühl. Ein Hauch der kosmischen Macht, der Emotionen und der Ehrfurcht vor der Schöpfung.
Die Turmuhr der Akademie schlug zur Mitternacht. Die Akademie war in Schatten gehüllt und der Mond war blass, aber auch hier schienen die Sterne glitzernd durch die karge Wolkendecke.
Der Klon von Le Blanc saß auf dem Dach und schaute hinauf in das Meer funkender Lichter.
Sie wollte ihren liebsten zu einer Nachtwanderung abholen, aber sie musste erfahren, dass Professor Swain ihn und seine Freunde kurzfristig fortgeschickt hatte.
Sie hoffte das, wo auch immer er war,
er jetzt an sie denken würde, so wie sie an ihn dachte. Das Leben geht manchmal seltsame Wege.
Es war gut zu wissen, dass es eine Macht gab, die von jedem Besitz ergreifen konnte.
Egal wer oder was er oder sie war. Sie murmelte leise vor sich hin und begann ein Lied zu singen. Ihre klare Stimme klang durch die Nacht und lies die Dunkelheit nicht mehr bedrohlich wirken.
Nein, sie wurde zu einer samtenen Decke, welche alle die es hörten sanft einhüllte.
Als der nächste Morgen anbrach schien eine blasse Sonne über Zhaun. Die grünlichen Schwaden über der Stadt verliehen ihr eine leicht schmutzige Note.
Dreimal klopfte es gegen die Akademietür.
Nichts rührte sich. Swain stand in seinem Gemach und verfütterte einige Mäuse an seine Krähe.
„Der Hausmeister wird schon öffnen“, dachte er. Die Krähe verschlang die Maus gierig, anschließend stieß sie ein Krächzen aus, wie der Schrei einer uralten Kreatur, die nach Äonen von Jahren wieder erwacht war. Swain tätschelte ihr den Kopf. Wieder hallte das Klopfen durch die Flure der Akademie.
„Warum zum…“, begann Swain, doch dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.
Es gab ja keinen Hausmeister mehr an der Akademie. Er packte seinen Stock und humpelte die Stufen hinunter. Er öffnete das Tor und sein Blick fiel auf einen einzelnen Mann.
Ein groß gewachsener Mann mit dunkler Haut und wildem Haarwuchs, jedoch kräftig gebaut und mit braunen Augen, die gütig und doch ernst wirkten.
„Ich bin wegen der offenen Stelle hier“, sagte er freundlich aber bestimmt.
Swain musterte ihn gründlich. „Haben sie Erfahrung Herr…?“, fragte Swain argwöhnisch.
„Jeremy“, antwortete er. „Und ja. Ich habe schon so einiges weggeputzt“. Bei dem letzten Satz musste er grinsen aber Swain ging nicht weiter darauf ein.
"Na fein“, entgegnete Swain mit gespielter Höflichkeit. „Kommen sie mit. Ich zeige ihnen alles“. Jeremy folgte ihm und sie verschwanden in der Akademie.
Das zwitschern der Vögel weckte unsere Freunde. Sie hatten die Nacht gut geschlafen und erwachten voller Tatendrang. Nasus und Shaco führten sie zur Quelle um ihre Wasservorräte aufzufüllen und sich zu waschen. Sie tranken und plantschten im Wasser herum, bis auf Twitch der skeptisch am Rande des Weihers saß. Gragas konnte sich einen Sprung ins Wasser nicht verkneifen und ein Schwall Wasser schwappte über die Ufer. „Pass doch auf“, schimpfte Twitch.
„Fast wäre ich nass geworden“. „Das haben wir gleich“, lachte Gragas. Er packte Twitch und warf ihn ins Wasser.
Er zappelte und fluchte, doch sie lachten herzhaft darüber. Er schwamm ans Ufer und schüttelte sich wie ein nasser Hund.
Seine Kleidung war durchnässt, aber zum Glück für ihn war sein Pergamentbeutel mit Wachs versiegelt. Dort bewahrte er einige Schriftrollen auf, von denen allerdings keiner wusste, welche Geheimnisse sie bargen. Nasus stellte sich unter den Wasserfall und lies sich das Wasser auf den Kopf rieseln. Besonders angenehm fand er es hinter den Ohren. Aber als er sich umdrehte sah er, dass hinter dem Wasserfall eine Höhle in den Fels führte. Er spähte in die Dunkelheit und lauschte angestrengt. Es war nichts zu hören oder zu sehen, aber die Höhle schien tief in den Fels hinein zu führen. Das sollte er wohl den anderen zeigen.
Teil 36
Jeremy stand auf dem Innenhof und Schwang den Besen. Er kehrte gekonnt das Laub zusammen welches sich in kleinen Haufen auftürmte. Er pfiff ein Liedchen vor sich hin und schaute hin und wieder hinauf in den Himmel. Er betrachte die Sonne und verweilte kurz. Er stützte sich auf seinen Besen und nahm einige tiefe Atemzüge. Harte, ehrliche Arbeit im freien an einem sonnigen Tag.
Was konnte man denn mehr verlangen? Er schulterte den Besen und ging sich erst einmal etwas zu trinken holen.
Nasus kam unter dem Wasserfall hervor und winkte seine Freunde zu sich.
Gragas und Shaco wateten durch das Wasser zu ihm hin, nur Twitch blieb am Ufer sitzen.
„Darauf falle ich nicht herein“, maulte er und wrang seine Kleidung aus. Sie gingen langsam durch den Wasserfall hindurch.
Sie fanden eine dunkle, feuchte Höhle vor. Stalakmiten und Stalaktiten erhoben sich wie spitze Zähne aus dem Fels an denen das Wasser herunter tropfte. Nasus ließ den Kopf seines Stabes glühen, so dass ein spärliches Licht wabernde Schatten an die Wände warf. Die Höhle war nur wenige Meter breit aber so hoch, dass sie die Decke kaum sehe konnten. Sie wandte sich wie ein Wurm in die Tiefe und ein muffiger Geruch schlug ihnen entgegen. Twitch saß noch immer draußen am Ufer und knabberte nervös an seinen Fußnägeln. Was sie wohl gefunden hatten? Aber er würde nicht ins Wasser gehen. Basta.
Jeremy kam zurück auf den Hof und hielt eine Dose Noxusbrause in der Hand. Obwohl das Rezept angeblich in ganz Runeterra völlig identisch war, so schmeckte es doch hier mit am Besten.
Das musste wohl am Wasser liegen oder eher an den vielen kleinen Zusätzen im Grundwasser von Zhaun. Er zuckte mit den Schultern und leerte die Dose in einem Zug. Zu seinem Schreck jedoch waren seine fein säuberlich aufgehäuften Laubhaufen durcheinander gewirbelt. Wer macht denn so etwas? Naja, so ein Laubhaufen übt natürlich eine magische Anziehungskraft auf Schüler jeden Alters aus, aber eine Akademie voller angehender Legenden von morgen? Er machte sich also wieder daran, das Laub zusammen zu kehren, dieses Mal allerdings auf einen großen Haufen.
Sie waren nun schon mehrere Minuten unterwegs, doch ein Ende der Höhle war noch nicht in Sicht. Sie liefen durch kleine Pfützen, die sich am Boden gebildet hatten und eine salzige Note mischte sich in den Geruch den sie wahrnahmen. Was, wenn sie hier jemanden antrafen? Ungeheuer, Kultisten oder Schmuggler? Nasus ging immer noch voran. Shaco blickte mit scharfen Augen in die Finsternis und Gragas folgte ihnen mit etwas Abstand. Er fühlte sich hier nicht wohl. Ihre Schritte hallten an den Wänden wieder, bis sie sich in den Tiefen der Erde verloren. Das schwache Licht des Stabes flackerte wie eine Kerze und spendete leider auch kaum mehr Licht. An den Wänden waren Formationen kleiner Kristalle zu sehen. Das Wasser und die Salze hatten im Verlauf der Jahrhunderte viele von ihnen gebildet. Sie bedeckten die Wände, die Decke und sogar den Boden und funkelten im Lichtschein in allen Farben des Regenbogens. Ein schöner Anblick, der sie für einen Moment davon ablenkte, was möglicherweise in den Tiefen der Höhle auf sie wartete. Nasus vernahm plötzlich ein Geräusch, das er vorher nicht vernommen hatte. Ein leises Klicken, surren und brummen.
Er hob die Hand und die anderen blieben stehen. „Ich höre da etwas“, flüsterte Nasus.
„Aber ich weiß nicht, was es ist“, fügte er leise hinzu. „Bleibt aufmerksam“. Sie schlichen vorsichtig weiter und Nasus löschte das Licht an seinem Stab. Dort vorne fiel ein schwacher Lichtschein in den Gang.
Teil 37
Shaco schlich an die Ecke des Stollens und spähte vorsichtig hinein. Ein spärlich beleuchteter Tunnel führte leicht abschüssig nach unten. Es war niemand zu sehen, aber von Fern klangen leise Geräusche. Er winkte seine Freunde herbei und sie schlichen den Tunnel entlang. Der Tunnel machte eine Biegung und dahinter lag eine große Halle. Sie lugten um die Ecke und staunten nicht schlecht. Die gesamte Halle war hell erleuchtet und besaß mehrere Ausgänge in allen Richtungen.
Seltsame Maschinen standen dort, einige klein und unscheinbar, andere groß wie eine Kutsche.
Sie summten und zischten. Elektrische Spannungsbögen knisterten zwischen ihnen und einige stampften und ächzten. Es roch nach Öl und Metall, ein muffiger unangenehmer Geruch.
Einige dunkelblaue Zaubervasallen huschten zwischen den Maschinen hin und her.
Sie ölten die Getriebe, trugen Kisten und Werkzeuge, einige von ihnen schleppten Körbe mit glitzernden Kristallen. Die Vasallen schienen sie nicht zu bemerken oder es war ihnen schlichtweg egal. Nasus fasste sich ein Herz und betrat die Halle. Er ging langsam auf die Mitte zu, wo die größte Maschine stand und Gragas und Shaco folgten ihm vorsichtig. Einige Vasallen standen dort und bastelten an der Maschine herum. Sie drehten sich zu Nasus um, musterten ihn kurz und wandten sich dann wieder ihrer Arbeit zu. Nasus stellte erstaunt fest, dass diese Vasallen keine Waffen trugen. Ihr linker Arm endete in einer Art Multifunktionswerkzeug, welches Schraubendreher, Lötlampe, Zange und dergleichen Spielereien umfasste. Unter ihrer Kapuze, wo normalerweise nur schwärze klaffte, trugen sie Masken aus Metall, welche die Hälfte ihres „Gesichtes“ bedeckte und dort angebracht war ein Okular, welches ihnen wohl eine verbesserte Wahrnehmung ermöglichte.
Nasus räusperte sich. Die Vasallen drehten sich wieder zu ihm um. „Ja, bitte?“, fragte einer mit piepsiger Stimmte und musterte Nasus, wobei sein Okular mehrfach ein – und ausgefahren wurde.
„Ich grüße euch, Vasallen“, begann Nasus freundlich. „Sagt mir, was tut ihr hier?“.
Die Vasallen verharrten für einen Moment, bevor sie einstimmig antworteten: „Wir arbeiten hier“.
„Und woran arbeitet ihr hier?“, fragte Nasus neugierig nach. „Wir müssen die Polarität dieser Materie-Resonanzleiter auf das Muster der neue Kristallsynergien einstellen“, antwortete einer von ihnen. Nasus blickte hilfesuchend auf seine Freunde. Shaco zuckte mit den Schultern aber Gragas trat einen Schritt vor und strich sich übers Kinn. „Verwendet ihr keine Spektralerfassungsmodule?“, fragte er irritiert. Die Vasallen schüttelten die Köpfe. „Und mich schimpfen sie Hinterwäldler“, sagte er zu seinen Freunden gewandt. „Wer ist euer Meister?“, fragte Gragas beiläufig, während er einen Blick auf das innere der Maschine warf.
„Die großen zwei“, antworteten die Vasallen einstimmig.
„Wer hätte gedacht, dass Vasallen auch mehrere Herren haben könnten?“, dachte Nasus bei sich.
Die drei berieten sich kurz, ob es klug wäre, sich diese Herren einmal anzuschauen.
Aber was sollte schon passieren? Schließlich waren sie neugierig und im Grunde friedfertig.
Allerdings war dies auch genau dasselbe, was Gragas dachte, bevor er eine Kneipe betrat.
Ein Vasall gab ihnen ein Zeichen, sie mögen ihm folgen und steuerte einen der Stollen an, welche aus der Halle hinaus führten. Die Freunde folgten ihm.
Sie durchwanderten den Stollen der sich wie ein Wurm durch die Felswand schlängelte. Einige Vasallen kreuzten ihren Weg ohne sie jedoch besonders zu beachten.
Es dauerte eine Viertelstunde bevor sie eine weitere Halle betraten.
An den Wänden standen Maschinen und einige eher okkult angehauchte Objekte. Einige Werktische und ein Labor mit respektabler Ausrüstung an der einige Vasallen tüftelten. An der Decke der Halle hing ein Gerät, das wie eine riesige Hextechkanone aussah.
An der Nordseite der Halle war eine erhöhte Plattform in den Fels gehauen. Dort oben standen zwei Throne. Der eine war aus Zahnrädern, Kurbelwellen, Ketten und Stahlträgern zusammengeschweißt, der andere bestand aus einem schwarz glühenden Material, welches mit orangefarbenen Runen verziert war und mit einer Krone aus gebogenen Hörnern am Kopfende gekrönt wurde.
Der linke Thron war leer, aber auf dem rechten saß eine kleine, blaue Gestalt. Sie sah aus, wie ein Zaubervasall, aber ihre Robe war prächtiger und er trug einen gebogenen Hut und einen Stab in der Hand. „Das ist doch nicht etwa…“, begann Shaco staunend. „Was denn?“, murmelte Nasus.
„Der Hochvasall des blauen Spektrums?“, fragte Gragas skeptisch.
„Hochvasall?“, fragte Nasus irritiert. „Aber das ist nur eine Legende“, flüsterte Gragas kopfschüttelnd. „Das werden wir gleich erfahren“, murmelte Shaco leise.
Teil 38
Jeremy hatte gerade seine Runde durch die Akademie gemacht. Er hatte einige Dutzend Mülleimer geleert, Graffiti entfernt, den Boden der Mensa gewischt und ein Schläfchen gemacht.
Nun lief er pfeifend zurück zum Innenhof, doch was musste er da sehen? Jemand hatte seinen Laubhaufen zerwühlt, war hineingesprungen und hatte sich darin gewälzt. Jeremy musste breit grinsen. Denn er hatte seinen großen Laubhaufen direkt über einer Bank aufgetürmt.
Er schlenderte gelassen in Richtung Krankenstation. Schon bevor er die Tür öffnete hörte er ein stöhnen und wimmern. Er betrat die Krankenstation und begrüßte Schwester Akali freundlich.
Sie widmete sich gerade einem Patienten und schien sehr beschäftigt. „Ich bin gleich bei dir“, sagte sie freundlich. „Ich muss nur noch eine Rückenfraktur behandeln“. Jeremy näherte sich dem Krankenbett und blickte grinsend auf einen Jarvan, der sich offensichtlich am Rücken verletzt hatte. „Wie ist denn das passiert?“, wollte Schwester Akali wissen. Jarvan räusperte sich:“Ich bin ausgerutscht und auf den Rücken gefallen“.
Jeremy lächelte triumphierend. „Ja, man weiß nie was sich unter einem Laubhaufen so alles verbirgt, wenn man hineinspringt, nicht wahr? Vielleicht solltest du so etwas in Zukunft lieber lassen“. Schwester Akali blieb stumm, hatte aber Mühe sich ein grinsen zu verkneifen. Er verabschiedete sich höflich und ging zurück in den Innenhof um ein weiteres Mal das Laub zusammen zu kehren.
Als er fertig war, widmete er sich den Pflanzenkübeln des Innenhofes. Seltsamerweise waren diese erstaunlich aufgeräumt. Es lagen keine Blätter oder Pflanzenreste darin herum, die Erde war dunkelbraun und locker, aber die Akademie hatte doch gar keinen Gärtner oder?
Er blickte hinauf in die Krone eines Baumes und lüpfte die Blätter vorsichtig mit dem Stiel seines Besens. Eine kleine, wurzelähnliche Kreatur massierte die Blätter eines jungen Zweiges.
„Entschuldigung?“, fragte Jeremy zaghaft. Der Setzling neigte seinen Kopf zur Seite. „Psst“, zischte er. „Das Zweiglein muss schlafen, sonst wächst es nicht“. Jeremy hob beschwichtigend die Hände und ging leise einige Schritte zurück. „Was für ein seltsamer Ort“, dachte er bei sich.
Nasus trat einen Schritt vor und verbeugte sich leicht. „Werter Hochvasall…“, begann er freundlich.
„Vasall?“, keifte die kleine Gestalt und schlug mit ihrem Stab auf die Armlehne seines Thrones.
„Ich wollte nicht respektlos sein, ich wollte nur Wissen was ihr hier macht“, versuchte Nasus zu beschwichtigen. Die kleine Gestalt setzte sich in seinem Thron auf. „Hier legen wir den Grundstein für den Ruhm einer auserwählten Rasse“, antwortete sie und ballte die Faust.
„Jahrhundertelang wurden wir belacht, missverstanden und behandelt wie Nagetiere“.
Bei den letzten Worten überschlug sich ihre Stimme. „Wir werden der Welt zeigen, zu was Yordles fähig sind!“, schrie er.
Gragas räusperte sich: „Was bitte ist ein Yordle?“.
Die kleine Gestalt hielt kurz inne, dann funkelten ihre Augen vor Zorn. „Seht ihr, so weit ist es schon gekommen“, fauchte sie. „Ihr wisst ja nicht einmal mehr, wer wir sind. Aber das hört jetzt auf“.
Sie hob beschwörend die Arme in den Himmel und bläuliche Blitze zuckten zwischen ihnen hin und her. „Ich bin Veigar, der mächtige“, donnerte sie, „und ihr werdet Zeugen meiner Macht werden“.
Ein Käfig aus dunkler Materie entsprang aus dem felsigen Boden und kerkerte sie zwischen dunklen Gitterstäben ein, welche zischten und qualmten, obwohl sie so kalt waren wie sie es noch nie gespürt hatten. Nasus war völlig baff und unentschlossen, was er tun sollte. Gragas stürmte auf die Gitter zu, blieb aber wie angefroren stehen, als er sie berührte. Shaco versuchte, die Situation mit einem schnellen Blick einzuschätzen. Die Halle war voller Vasallen, die sie umzingelten, aber obwohl sie keine sichtbaren Waffen trugen machten sie keinen hilflosen Eindruck. Sie warfen kleine Kugeln in die Mitte des Käfigs, die aufplatzen und grünlichen Dampf absonderten. Nasus konnte einige Kugeln noch in der Luft zurück schlagen, welche dann an der Hallenwand zerschellten. Aber sie merkten bereits, dass ihnen schummerig wurde. „Das ist Yordle-Gas“, erklärte Veigar lachend. „Es macht euch innerhalb weniger Sekunden kampfunfähig. Wenn ihr darüber hinweg sehen würdet, dass der Rauch grün ist und nicht blau, wäre das nett von euch. Ich versichere euch, wir arbeiten daran“.
Das letzte an was sie sich erinnerten, war das höhnische Lachen von Veigar, dann wurde ihnen grün vor den Augen.