Hallo .Jubei',
ich wollte schon gestern auf dein Thema antworten, hatte allerdings bis abends
Uni, deshalb erst jetzt. Erst einmal gut, dass du gemerkt hast, dass deine Aus-
bildung nicht das ist, was du dir vorgestellt hast. Dadurch kannst du dir eine
Menge Zeit ersparen, die am Ende für die Katz ist. Eine Ausbildung zu beenden,
nur damit der Lebenslauf schick aussieht, ist meiner Meinung nach mittlerweile
etwas überholt.
Wie es nun weiter geht, kann und möchte ich dir nicht vorgeben, aber ich kann
zumindest ein paar Erfahrungen teilen, die ich gemacht habe.
Vorerst die Frage nach dem Abitur. Hierbei ist es wichtig, dich kritisch selbst
einzuschätzen. Hast du deinen Realschulabschluss (mittlere Reife) einfach
meistern können oder hattest du bis zur 10. Klasse bereits große Probleme,
den Schulstoff zu meistern? Und wenn du bereits Schwierigkeiten hattest,
wärst du bereit, dich nach der Schule nochmal hinzusetzen (allein, in einer
Nachhilfegruppe, mit Freunden etc.), um den Schulstoff nachzuarbeiten und
zu verstehen? Hast du genug Selbstdisziplin, um im Zweifelsfall Hobbys &
Freizeitaktivitäten in den Hintergrund zu schieben? Genau solche Fragen
solltest du dir stellen, um dann abwägen zu können, ob du dir das Abitur
zutraust oder nicht. Ich habe bis zur 10. Klasse an einem normalen
Gymnasium gelernt und habe dann auf ein Berufliches Schulzentrum (BSZ)
mit Fachrichtung Biotechnologie gewechselt. Das Schulsystem ist von
Bundesland zu Bundesland verschieden, jedoch gehe ich davon aus, dass es
überall BSZ gibt. Diese gibt es mit den verschiedensten Fachrichtungen, aber
das interessante ist, dass man in 3 Jahren die normale allgemeine Hochschul-
reife (Abitur) erwirbt und zusätzlich diese Fachqualifikation (bei mir eben
Biotechnologie) mitnimmt. Diese BSZ sind besonders bei Realschülern, die
die mittlere Reife erworben haben, beliebt, da man im ersten Jahr (11. Klasse)
auf ein gemeinsames Lernniveau mit denen gebracht wird, die zuvor auf
einem allgemeinem Gymnasium waren. Google einfach mal, ob es in deiner
Umgebung solche beruflichen Schulzentren gibt und erkundige dich, ob man
an diesen Schulen die allgemeine Hochschulreife erwerben kann (mitunter
werden nämlich auch andere Abschlüsse angeboten). Die Schuljahre
beginnen üblicherweise wie normale Schuljahre auch und sind ganztägig.
Nun kurz was zu den Anforderungen: In unserem Jahrgang waren 50 Schüler
in der 11. Klasse, davon 48 von Real- bzw. Mittelschulen, viele schon mit
abgeschlossener Berufsausbildung von Tierpfleger bis Bademeister.
Letztendlich haben 42 Leute ihr Abitur geschafft, obwohl man sagt, dass es
hier in Sachsen recht schwer sein soll. Deshalb: möglich ist alles und zu alt
bist du bei Weitem noch nicht. Ich muss gestehen, ich selbst war ziemlich
faul und habe weder Hefter geführt noch für Arbeiten gelernt und bin
trotzdem solide durch gekommen, der eine muss halt mehr machen, der
andere weniger. War schon immer so, auch wenn's ungerecht ist. Fakt ist,
jeder kann es schaffen, auch wenn man eine Unterbrechung nach dem letzten
Schulabschluss hatte! Soviel zum Abitur, was auf jeden Fall sinnvoll ist, selbst
wenn man überhaupt keine Ahnung hat, wo es mal hingehen soll (war bei mir
damals so). Wenn man das Ding einmal hat stehen einem alle Türen offen!
Soviel erst einmal dazu. Nun kann ich höchstens noch ein bisschen aus dem
Nähkästchen plaudern, wie es weiter gegangen ist bei mir.
Habe auf dem BSZ recht schnell gemerkt, dass mich Biotechnologie und
Laborarbeiten doch überhaupt nicht reizen. Stattdessen habe ich eine Abitur-
prüfung im Fach Wirtschaftslehre/Recht abgelegt und musste gestehen, dass
mir dieses Fach sogar ausnahmsweise Spaß gemacht hat ;)
Ein Studium kam für mich vorerst nicht in Frage, da ich es anfangs als
überflüssig empfunden habe und sofort Kohle verdienen wollte. Also hab ich
mich im Bereich Wirtschaft/Recht nach Ausbildungen umgesehen und bin
dabei auf die Ausbildung zum Rechtsanwaltsfachangestellten bzw. Patent-
anwaltsfachangestellten gestoßen. Das sind zwei verschiedene Berufe, aber
die Ausbildung unterscheidet sich nicht sehr, da ich auch in die Berufsschule
für Rechtsanwaltsfachangestellte gegangen bin, obwohl ich eine Ausbildung
zum Patentanwaltsfachangestellten gemacht habe. Lag daran, dass die
einzige Berufsschule für diesen Beruf in München ist. Kurz, was man sich
darunter vorstellen kann: Die Ausbildung geht 3 Jahre, wobei die Pat.-FA
Ausbildung eher ein Selbststudium ist, wenn du nicht gerade in München
oder Umgebung wohnst. Du arbeitest dabei in einer Anwaltskanzlei und
unterstützt Anwälte (oder Patentanwälte, je nachdem wo du halt bist) bei
ihren Tätigkeiten. Sprich: ca. 35 von 40 Stunden am PC. Emails checken,
Mandantenbriefe vorschreiben, Akten führen, Telefonate mit Ämtern usw.
Eigentlich kann man es als "gewöhnlichen Bürojob" betrachten. Ich habe
die Ausbildung aber trotzdem nach 1 Jahr aus 2 Gründen abgebrochen. Zum
einen, weil ich nach einem 8-10h Tag und langem Weg keine Konzentration
mehr hatte, um mir die Theorie noch anzueignen und zum anderen sind
Anwälte- ohne jetzt jemandem hier zu nahe treten zu wollen - sehr eigene
Lebewesen. Man muss da zum Teil einiges wegstecken können, wenn man
Pech hat und mit einem Abitur muss man sich nicht als Angestellter
zum Depp für alles machen. Haben uns sogar die Berufsschullehrer gesagt
und recht haben sie: Denn mit dem Abi könnte man jederzeit Jura studieren
und sich genauso auf Chef-Ebene befördern =)
Naja lange Rede, kurzer Sinn- ich hab gemerkt, dass ich in einer Ausbildung
nicht die Freiheit habe, die ich brauche, um Kreativität ausleben zu können,
also habe ich mich für ein Studium entschieden- und diesmal nicht im jurist.
Bereich, sondern im wirtschaftlichen. Wollte ursprünglich Wirtschaftswissen-
schaften studieren, aber habe zu kurzfristig die Ausbildung gekündigt und
daher "nur" noch einen Platz für Wirtschaftsinformatik bekommen, genau wie
ein Vorposter schon berichtet hat. Das erste Semester verlief ganz gut, ich
hatte etwa 60% Wirtschaft 10% Recht und 30% Informatik, Programmierung
und Datenbanken. Soweit so gut, Wirtschaft hat überwogen, war für mich
ein Kompromiss. Musste allerdings nach dem ersten Semester feststellen,
dass die Prüfungen überhaupt nicht mehr mit dem Abi vergleichbar sind.
Ohne Anwesenheit in Vorlesungen & Seminaren und ohne Übung wird nichts.
Das musste ich schmerzhaft anhand von 2 von 8 bestandenen Prüfungen erfahren.
Im Studium bist du komplett auf dich allein gestellt, es sagt dir keiner mehr,
wo es lang geht! Und mal eine Vorlesung oder einen Tag blau zu machen ist
schon sehr verlockend, wenn es niemanden interessiert, ob du da bist oder
nicht. Da gehört nochmal eine Menge mehr an Selbstdisziplin dazu. Nunja,
das zweite Semester war doch sehr trocken, da die theoretische Informatik
dann doch überwog, weshalb ich mich entschieden habe, es nochmal bei
Wirtschaftswissenschaften zu versuchen. Und sieheda- es hat geklappt.
Nun muss ich mir zwar vieles nochmal anhören, was ich schon gehört habe,
aaaaber...ich hab endlich das gefunden, was mir zusagt. Es hat zwar 3
Anläufe gebraucht, aber wenn ich das Studium gut meistere (was ich diesmal
unbedingt durchziehen möchte) dann interessiert es doch keinen mehr,
warum ich nun die Ausbildung zum Anwaltsdepp und den ersten Studium-
versuch geschmissen habe. Im Zweifelsfall muss man es eben gut verpacken.
Zumindest werde ich jetzt die nächsten 3-5 Jahre auf dem Campus genießen
und trotz, dass es sehr sehr anspruchsvoll ist, kann keine andere Ausbildung
diese Freiheit bieten, die man während eines Studiums hat. Ich weiß noch
nicht, wo ich nach dem Studium stehen werde, aber auch wenn der Weg bis
jetzt etwas holprig war, bin ich davon überzeugt, dass ich auf dem richtigen
Weg bin. Und nur wenige Studierende haben überhaupt jemals Erfahrung in
einem richtigen Unternehmen gesammelt- das dürfte ich als Pluspunkt
betrachten, auch wenn ich nun eben erst mit 21 im 1. Semester sitze :P
So lang sollte der Text eigentlich gar nicht werden, sorry o=
Na dann hör ich mal lieber an der Stelle auf, wenn du noch Fragen zu Abitur,
Studium oder Ausbildung hast, schreib mir einfach eine private Nachricht :)
Viele Erfolg und gutes Gelingen!